Gedankengarten
Bleistiftzeichnung: zwei junge Pflanzen derselben Art wachsen nebeneinander aus demselben Erdstreifen. Die linke ist mit zwei Schnurschlaufen an einen geraden Holzstab gebunden und steht kerzengerade, die rechte hat keinen Stab, ihr Stängel biegt sich leicht, und ihr oberstes Blatt ist golden.

Warum ich Kindern nicht sage, dass sie klug sind

| Lob, Selbstvertrauen, Kinder 9 bis 12

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Ein Kind hat eine Aufgabe gelöst oder ein Bild fertig gemalt und schaut hoch. Der Satz liegt schon bereit, man muss ihn nur noch aussprechen: “Du bist so klug.” Er ist freundlich gemeint und schnell gesagt.

Wenn mir ein Kind aus meinem Umfeld so etwas zeigt, sage ich einen anderen Satz: “Zeig mal, wie du das gemacht hast.”

Das ist kein Urteil über das Kind, sondern eine Frage nach dem Weg. Ob es der bessere Satz ist, kann ich nicht beweisen. Ich kann aufschreiben, warum ich den ersten nicht sage, und was die Forschung dazu hergibt. Das ist weniger, als man erwarten würde.

Was ein Kind aus “klug” heraushört

Eine Untersuchung dazu stammt von Claudia Mueller und Carol Dweck aus dem Jahr 1998. Fünftklässler wurden nach einer Aufgabe entweder für ihre Intelligenz oder für ihre Anstrengung gelobt. Nach einem anschließenden Misserfolg blieben die für Intelligenz gelobten Kinder weniger lange dran, hatten weniger Freude an der Aufgabe und schnitten schlechter ab (Mueller und Dweck 1998). Ich habe die Studie schon im Beitrag über den Satz Das kann ich nicht beschrieben.

Der Teil, der mich beschäftigt, ist das Wort “nach”. Die Nachteile zeigten sich nach einem Misserfolg. Ich lese das so: Wer gehört hat, dass er klug ist, dem sagt ein Misserfolg auch etwas über den eigenen Kopf, nicht nur über die Aufgabe.

Im Buch stehen beide Sätze

Im ersten Kapitel von Gedankengarten schreibt Mika eine Matheprobe, und sie geht schief. Noch während der Probe malt er sich aus, wie sein Vater später fragen wird: “Wie lief’s, Champion?” Den Spitznamen benutzt der Vater nur bei einer Zwei. Bei einer Fünf runzelt er die Stirn, und Mika fühlt sich dann kleiner als die Fernbedienung in seiner Hand.

Das ist Lob, das an einem Ergebnis hängt. Mika weiß genau, unter welcher Bedingung er Champion ist, und damit weiß er auch, wann er es nicht ist.

Nach der Probe bittet ihn die Lehrerin, noch kurz dazubleiben. Frau Schneider sieht sich sein halbvolles Blatt an und sagt: “Ich weiß, du hast geübt, Mika. Lass uns das morgen in der Lernzeit gemeinsam durchgehen.” Sie sagt weder, dass er klug ist, noch, dass er es nicht ist. Sie nennt, was er getan hat, und schlägt vor, sich den Weg gemeinsam anzusehen.

Das Buch ist kein Lehrstück über Lob. Es erzählt von einem Kind, das zu früh beschlossen hat, was es nicht kann. Aber die beiden Arten, mit einem Kind über eine Leistung zu sprechen, stehen dort im selben Kapitel nebeneinander.

Nicht jedes Lob schadet

Man könnte aus alldem schließen, Kinder solle man am besten gar nicht loben. Das gibt die Forschung nicht her.

Eddie Brummelman und seine Kollegen haben in den Niederlanden 120 Eltern und ihre Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren über längere Zeit beobachtet. Je überschwänglicher Eltern lobten, desto niedriger war später das Selbstwertgefühl ihrer Kinder. Bei Kindern mit ohnehin hohem Selbstwertgefühl ging übertriebenes Lob zudem mit mehr Narzissmus einher. Das gewöhnliche, nicht aufgeblasene Lob hing mit keinem von beiden zusammen (Brummelman und andere 2017).

Eine frühere Arbeit derselben Gruppe macht daraus mehr als eine Randnotiz. Erwachsene geben ausgerechnet Kindern mit niedrigem Selbstwertgefühl besonders gern überschwängliches Lob, und genau diese Kinder suchten danach in einem Experiment seltener die schwierigere Aufgabe (Brummelman und andere 2014). Das große Lob landet also bevorzugt bei den Kindern, bei denen es im Experiment nach hinten losging.

Die Forschung trennt damit zwei Dinge, die im Alltag oft zusammenfallen: Lob, das zu groß ist, und Lob, das die Person meint statt der Sache. Beides hat in Studien Nebenwirkungen gezeigt. Gegen gewöhnliches Lob für eine gelungene Sache spricht in diesen Studien nichts.

Was die Forschung nicht sagt

Die Studien hier sagen ziemlich deutlich, welche Arten von Lob schaden können. Dass eine bestimmte Art von Lob Kindern auf Dauer hilft, zeigen sie nicht. Mein Satz ist ohnehin kein Lob, sondern eine Frage, und über ihn sagen sie weder das eine noch das andere. Die Programme, die Schülern beibringen sollen, dass sich ihre Fähigkeiten durch Anstrengung entwickeln, haben in einer gründlichen Auswertung von 2023 keinen verlässlichen Effekt auf Schulleistungen gezeigt (Macnamara und Burgoyne 2023).

“Zeig mal, wie du das gemacht hast” ist deshalb nichts, was ich als Rezept weitergeben würde, als würde es Noten verbessern oder Selbstvertrauen herstellen. Es ist eine Haltung, keine Methode.

Was die Frage leistet, ist bescheidener. Sie schiebt das Urteil auf. Solange das Kind erklärt, wie es vorgegangen ist, muss niemand entscheiden, ob das Ergebnis gut, schlecht oder genial war. Dabei kann herauskommen, dass der Weg holprig war und das Ergebnis trotzdem stimmt, oder dass das Kind einen Trick gefunden hat, den ich nicht kannte. Beides erfährt man nicht, wenn man vorher schon “klug” gesagt hat.

Der Satz, den Mika sich selbst sagt

Mitten in der Matheprobe, als ihm die Aufgaben entgleiten, schließt Mika die Augen und murmelt sich selbst einen Satz zu. Er lautet: “Ich finde einen Weg.”

Das ist kein Lob und kein Urteil. Es ist ein Vorhaben.

Dieser Text stammt von Dr. Wahed Hemati, Autor des Kinderromans Gedankengarten: So wie du denkst, so wächst du für Kinder ab 9 Jahren.

Gedanken aus diesem Blog stelle ich auch als Bild bei Pinterest ein, mit den Illustrationen aus dem Buch: Mind Garden Adventures

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