Wenn Kinder abends nicht abschalten können
| Einschlafen, Grübeln, Kinder 9 bis 12
Das Licht ist aus, die Tür angelehnt, und aus dem Kinderzimmer kommt zum vierten Mal: “Ich kann nicht einschlafen.” Kein Fieber, kein Durst. Der Kopf läuft einfach weiter.
Bei Kindern im Grundschul- und frühen Sekundarstufenalter ist das verbreitet, und der Grund dafür ist unspektakulär.
Warum es abends anfängt
Tagsüber ist der Kopf beschäftigt. Unterricht, Hausaufgaben, Freundinnen, Bildschirm, Weg zum Training: alles bindet Aufmerksamkeit.
Abends fällt diese Beschäftigung weg. Was tagsüber nicht zu Ende gedacht wurde, kommt jetzt hoch: der Streit in der Pause, die unbeantwortete Frage, ob morgen wirklich jemand am Hort wartet.
Dazu kommt ein Verstärker. Wer im Dunkeln liegt und merkt, dass er schon wieder nicht einschläft, fängt an, sich über das Nichteinschlafen Gedanken zu machen. Diese zweite Schicht hält oft länger wach als der Gedanke, mit dem es losging.
Was tagsüber hilft
Eine feste Sorgenzeit. Zehn Minuten am frühen Abend, immer zur selben Zeit, immer am selben Ort. Nicht im Bett und nicht im Dunkeln. Das Kind erzählt, was ansteht, ein Erwachsener hört zu und notiert stichwortartig mit. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, nicht das Ergebnis. Viele Kinder legen ein Thema danach ab, weil es einen Platz bekommen hat.
Den nächsten Tag konkret machen. Ein Teil des Karussells besteht aus Ungeklärtem. Wer holt ab, was muss in den Turnbeutel. Fünf Minuten Ablauf durchsprechen und die Sachen schon hinlegen nimmt genau diesen Teil heraus.
Zettel und Stift neben das Bett. Damit ein Gedanke, der um halb zehn auftaucht, nicht bis zum Morgen im Kopf bewacht werden muss. Bei jüngeren Kindern reicht eine Kritzelei.
Was im Moment selbst hilft
Nicht wegreden. “Das ist doch nicht schlimm” beendet das Gespräch, aber nicht das Denken. Tragfähiger ist: benennen und auf morgen vertagen. “Klingt nach Ärger mit Jonas. Morgen nach dem Frühstück reden wir darüber.”
Der Sache einen Namen geben. Mit einem Bild können Kinder mehr anfangen als mit einer Erklärung. Wenn das Ding “das Karussell” heißt oder “der Sender, der nachts weiterläuft”, entsteht Abstand. Das Kind hat dann etwas, das es hat, und nicht etwas, das es ist.
Einen Ersatzgedanken statt eines Verbots. “Denk nicht dran” funktioniert nicht, weil man zum Nichtdenken erst denken muss. Was funktioniert, ist etwas Konkretes und Langweiliges, das Aufmerksamkeit bindet: den Schulweg rückwärts ablaufen und dabei jedes Haus mitnehmen, oder im Kopf alle Türen in der Wohnung der Großeltern öffnen. Detailreich und ohne Spannung.
Langes Ausatmen. Auf vier einatmen, auf sechs oder acht ausatmen. Kinder machen das eher mit, wenn ein Erwachsener neben ihnen leise mitzählt und nichts weiter dazu erklärt.
Den Körper von unten nach oben lockern. Zehen fest anspannen, bis zehn zählen, loslassen. Dann die Waden, dann die Fäuste. Es lenkt zuverlässig, weil es eine Aufgabe ist und kein Vorsatz.
Nach etwa zwanzig Minuten aufstehen. Wenn gar nichts geht: raus aus dem Bett, gedämpftes Licht, etwas Ruhiges am Tisch, dann zurück. Das Bett soll nicht der Ort werden, an dem sich ein Kind über sich selbst ärgert.
Was eher schadet
Ausfragen um halb zehn. Die Absicht ist gut, das Ergebnis ist ein wacher Kopf und ein Gespräch, für das um diese Uhrzeit niemand die Nerven hat.
Der Bildschirm als Beruhigung. Er verkürzt die Zeit bis zum Vergessen und verlängert die Zeit bis zum Einschlafen.
Wechselnde Regeln. Wer an manchen Abenden noch eine halbe Stunde verhandeln lässt, macht das Zubettgehen selbst zum Streitthema.
Die Uhrzeit dauerhaft nach hinten schieben. Das schafft am nächsten Morgen mehr Probleme, als es abends löst.
Wann es mehr als eine Phase ist
Ein paar unruhige Wochen nach einem Schulwechsel, einem Umzug oder einer Krankheit in der Familie gehören dazu. Aufmerksam werden sollte man, wenn es über viele Wochen fast jeden Abend so geht und der Tag darunter leidet: morgendliche Bauchschmerzen, Rückzug von Dingen, die vorher Spaß gemacht haben. Das gehört dann in die kinderärztliche Praxis und nicht ins Elternforum. Es ist an dem Punkt keine Erziehungsfrage mehr.
Der Gedanke hinter dem Gedanken
Ein Punkt, der in der Praxis oft untergeht: Kinder halten ihre Gedanken für Tatsachen. “Ich bin schlecht in Mathe” fühlt sich für ein Neunjähriges nicht wie eine Meinung an, sondern wie eine Eigenschaft, ungefähr so änderbar wie die Schuhgröße. Solange das so ist, gibt es abends nichts zu beruhigen, sondern nur etwas auszuhalten.
Hier hilft ein Bild mehr als ein Gespräch über Gedanken. Der Kinderroman “Gedankengarten” arbeitet mit dem Garten als Bild dafür, dass nicht jeder Samen, der im Kopf landet, auch aufgehen muss.
Zum Schluss
Eine Änderung nach der anderen, und jede mindestens zwei Wochen lang. Abendroutinen wirken selten am ersten Abend, und wenn mehrere Dinge gleichzeitig neu sind, weiß hinterher niemand, welches davon geholfen hat.
Dieser Text stammt von Dr. Wahed Hemati, Autor des Kinderromans Gedankengarten für Kinder ab 9 Jahren.