Fehler als Dünger: Was Kinder aus Misserfolgen mitnehmen
| Fehlerkultur, Elternalltag, Kinder 9 bis 12
Ein Kind kommt mit einer verhauenen Arbeit nach Hause. Oder es hat den Text beim Vorlesen vergessen, den Ball ins Aus gedroschen, die beste Freundin angebrüllt. Der Satz, der Erwachsenen dann am schnellsten herausrutscht, lautet: “Das ist doch nicht schlimm.”
Gut gemeint ist er, und er wirkt sofort. Er nimmt Druck aus dem Raum. Sein Nachteil zeigt sich erst danach: Er macht das Thema zu, bevor es aufgegangen ist. Das Kind hört, dass die Sache erledigt sei. Erledigt ist sie nicht, denn morgen steht dieselbe Aufgabe wieder da.
Trösten und Auswerten sind zwei getrennte Schritte
Ein Kind, das gerade weint oder wütend ist, kann nichts auswerten. In diesem Moment ist Trost genau richtig. Der Fehler liegt nicht im Trösten, sondern darin, dort stehen zu bleiben.
Der zweite Schritt kommt später, wenn der Puls wieder unten ist. Oft ist das der Abendbrottisch, vier Stunden nach der Sache. Dann verträgt das Kind die Frage, was eigentlich passiert ist.
Was mit Dünger gemeint ist
Kompost wirkt nicht sofort. Erst muss sich etwas zersetzen, bevor es die Erde nährt. Übertragen heißt das: Ein Misserfolg wird brauchbar, wenn er benannt wird und danach irgendwo hinkommt.
“Es war nicht schlimm” lässt nichts übrig. “Es war unangenehm, und ich habe daran etwas gesehen” lässt etwas übrig. Der Unterschied liegt in einem einzigen Halbsatz.
Sätze, die am Abendbrottisch funktionieren
Diese Formulierungen laden zum Erzählen ein, ohne zu bewerten:
- “Erzähl mal, wie es gelaufen ist.”
- “An welcher Stelle ist es gekippt?”
- “Woran hast du gemerkt, dass es nicht klappt?”
- “Was würdest du morgen anders anfangen?”
- “Was nimmst du daraus mit?”
- “Brauchst du dabei etwas von mir, oder machst du das allein?”
Eine Regel dazu ist wichtiger als die Auswahl der Frage: eine Frage stellen, dann schweigen. Kinder brauchen bei so etwas lange Pausen, oft zehn oder fünfzehn Sekunden. Wer die Pause mit einem Ratschlag füllt, bekommt die Antwort nie zu hören.
Kommt dann eine Antwort, reicht es, sie zu wiederholen: “Du hast also erst angefangen, als schon die Hälfte der Zeit weg war.” Das Kind hört seinen eigenen Satz von außen und korrigiert ihn oft selbst. Eine Bewertung braucht es an dieser Stelle nicht.
Sätze, die das Thema schließen
- “Das ist doch nicht schlimm.” Das Kind erlebt es aber als schlimm und lernt, dass sein Gefühl nicht zählt.
- “Du musst dich halt mehr anstrengen.” Darin steckt keine Handlung, die ein Kind morgen ausführen könnte.
- “Das habe ich dir gleich gesagt.” Damit hat der Erwachsene recht und das Kind einen Grund weniger, beim nächsten Mal zu erzählen.
- “Die anderen schaffen das doch auch.” Das Gespräch handelt ab hier vom Vergleich, nicht vom Fehler.
Nicht kleinreden, aber auch nicht aufblasen
Zwischen Verharmlosen und Drama liegt eine nüchterne Mitte: die Sache benennen, wie sie ist, und dann weitergehen. “Du hast die Hausaufgabe vergessen. Das ärgert dich. Morgen schreibst du sie dir gleich nach der Stunde auf.”
Der Fehler bleibt ein Fehler. Er bekommt nur eine Fortsetzung statt eines Urteils.
Nützlich ist auch, zwischen der Sache und der Person zu trennen. “Die Rechnung ist falsch” ist etwas anderes als “du kannst das nicht”. Kinder ab neun hören diesen Unterschied sehr genau.
Wenn das Kind nicht reden will
Manche Kinder machen dicht, sobald sie ein Gegenüber am Tisch sitzen haben. Nebenbei geht es besser: beim Abtrocknen, im Auto, auf dem Weg zum Training. Kein Blickkontakt, keine Sitzung.
“Wenn du willst, reden wir morgen darüber” ist ein vollständiger Satz. Er ist keine Niederlage, sondern hält die Tür offen.
Erwachsene machen es vor
Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene mit eigenen Fehlern umgehen. Wer das verbrannte Essen wegdiskutiert oder die verpasste Abfahrt dem Verkehr zuschiebt, liefert das Modell gleich mit.
Ein Satz am Tisch reicht: “Ich habe heute eine Mail zu früh abgeschickt und musste sie korrigieren. Beim nächsten Mal lese ich sie vorher noch einmal.” Das muss keine Vorführung werden. Es reicht, wenn es hin und wieder vorkommt.
Der Zeitraum ist länger, als man denkt
An einem Abend ändert sich nichts. Was wirkt, ist dieselbe Frage über Monate hinweg, in ruhigem Ton, auch wenn die Antwort erst ein Schulterzucken ist. Irgendwann beantwortet das Kind sie von selbst, bevor jemand fragt.
Bis dahin hilft ein bescheidenes Ziel: Das Kind soll den nächsten Fehler zu Hause erzählen, statt ihn zu verstecken. Alles Weitere hängt daran.
Genau darum geht es in meinem Kinderroman “Gedankengarten”, in dem Mika lernt, misslungene Versuche wie Kompost zu behandeln statt wie einen Beweis gegen sich selbst. Am Ende des Buchs gibt es dafür einen Mitmach-Teil mit Samen-Tagebuch und Kompost-Liste, den Kinder ab neun ohne Anleitung ausfüllen können.
Dieser Text stammt von Dr. Wahed Hemati, Autor des Kinderromans Gedankengarten für Kinder ab 9 Jahren.